Ein ganz gewöhnlicher Samstag

London, an einem Samstag im Januar. Kurz nach 14 Uhr verlasse ich das Haus. 20 Meter weiter steigen ein Vater und seine kleine Tochter aus dem Auto. Er spannt ihr den rosaroten Schirm auf und nimmt sie an der Hand. Aus der nächsten Seitenstrasse kommen zwei ältere Männer, der eine mit Gehstock, beide wie immer angeregt diskutierend. Bei der nächsten Kreuzung wird der Strom von Fussgängern stärker: Familien, Gruppen junger Männer, junge und alte Paare. Unter der winterlichen Regenbekleidung verrät nur der eine oder andere blau-weiss gestreifte Schal, dass wir alle das gleiche Ziel haben: Loftus Road. Es ist Samstagnachmittag, wir sind alle unterwegs zum Fussball.

Das gleiche Bild findet sich überall in England. 15 Uhr ist Anpfiff. Wahrscheinlich seit über 120 Jahren. Als die englische Liga gegen Ende des 19. Jahrhunderts startete, schlossen die Fabriktore am Samstagmittag, danach hatten die Arbeiter Zeit für ein Bier im Pub und für einen Fussballmatch. Der Sonntag blieb frei für Kirche und Familie. Heute gibt es Fussball am TV auch am Freitagabend, Sonntag und sogar Montagabend. Aber niemals um 15 Uhr am Samstag. Dieser Termin ist für richtigen Fussball reserviert: live, in allen Ligen. Und niemand soll zuhause oder im Pub einen Premier-League-Match schauen und dafür den Match des lokalen Quartiervereins verpassen.

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Diese Fans sind unterwegs zu einem besondern Match: zum Play-Off-Final 2014.

Wie das kleine Mädchen mit dem rosaroten Schirm ging auch ich einst mit meinem Vater zum Match. Nicht in London, sondern in unserem kleinen Dorf in der Innerschweiz. Mein Vater hatte eine Vergangenheit als Goalie, ich aber kannte ihn nur als fanatischen Zuschauer. Seine lauten Rufe wurden mir mit den Jahren etwas peinlich. Aber seine Liebe zu diesem Spiel hat er mir weitergegeben. Sogar meinen ersten Zeitungsartikel habe ich mit 16 Jahren über Fussball geschrieben. Mit männlichem Pseudonym, man sollte mich ernst nehmen.

Zurück nach London. Mehr und mehr Stewards in orangen Westen und Polizisten zu Fuss, auf Pferden, in Mannschaftswagen. Wir nähern uns dem Stadion. Mir scheint das Polizeiaufgebot etwas grösser als normal. Würde ich “unseren” Polizisten G. sehen, könnte ich ihn fragen, ob sie mit Problemen rechnen. Doch G., der Londoner Polizist, der alle Spiele dieses Clubs begleitet – zuhause und auswärts – ist wahrscheinlich beim Eingang für die auswärtigen Fans.

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Auswärts- und Heimfans sitzen getrennt. Bei diesem Spiel in Leeds konnten sich viele Stewards das Spiel ansehen. Auf den Tribünen war nichts los.

Jedes Spiel wird vorgängig in eine Sicherheitskategorie eingeteilt. Entsprechend ist das Polizeiaufgebot. Bei einem Auswärtsspiel eine Woche zuvor waren es nur eine Handvoll Polizisten. Am andern Ende der Skala ist Millwall. Dieser Club in Ost-London hat – so sehen es alle anderen – die aggressivsten Fans. Nicht nur im Stadion, nicht nur zum Schlechten. Als 2017 Terroristen mit Messern die Besucher eines Cafés in London angriffen, stellte sich ihnen einer in den Weg: “Ich bin Millwall, ihr müsst zuerst an mir vorbei.” Er landete mit Schnittverletzungen im Spital, aber verschaffte einigen Besuchern Zeit um zu fliehen.

Im Stadion gelten strenge Regeln. Pyros habe ich hier nie gesehen. Die Schuldigen würden sofort verhaftet und erhielten Stadionverbot – landesweit, jahrelang. Auch lautes und andauerndes Fluchen ist verpönt (mein Vater hätte hier wohl ein paar Probleme gehabt). Ich habe einige Männer gesehen, die herausgepickt und nach Hause geschickt wurden. Und ein Jugendlicher, der einen behinderten Fan der Gegenseite mehrfach beleidigte, indem er dessen unkontrollierbare Bewegungen nachäffte, erhielt Stadionverbot. Und Rassismus ist immer noch ein Problem. Schwarze Spieler werden beleidigt, ab und zu sogar von den eigenen Fans. Eine wunderbare Antwort gab es dazu von einem schwarzen Mittelstürmer unseres Clubs. Vor dem Spiel hatte es in sozialen Medien Bemerkungen geben, man müsse aufpassen, dass man nicht auf einer Bananenschale ausrutsche. Dieser Spieler schoss ein Tor, seine Mannschaft gewann. Und nach dem Spiel holte er eine Banane und liess jeden seiner Mitspieler einen Bissen nehmen – auf dem Platz.

Inzwischen bin ich beim Stadion angelangt. Hinter Gittern sind die Autos der Spieler geparkt. Leute, die etwas von Autos verstehen, sagen, dass da viele teure Wagen stehen. Das Geld dafür haben die Spieler sicherlich. Auch wenn dies nur die zweithöchste Liga in England ist, die Gehälter sind fürstlich. Fussball ist eine enorme Industrie in diesem Land. Das durchschnittliche Gehalt eines Fussballers in der Premier League liegt bei 50’000 Pfund – wöchentlich. Bei den ganz Grossen der Branche wird es unglaublich: Der neue Vertrag von Manchester United mit Alexis Sanchez garantiert diesem ein Gehalt von 500’000 Pfund – pro Woche. Niemand kann behaupten, dass das eine gesunde Entwicklung ist. Doch das Interesse am Fussball bleibt gross. Rund 27 Millionen Besucher werden in einem Jahr in den ersten 4 englischen Ligen gezählt. Aber die Riesengehälter werden nicht über die Tickets finanziert. Dafür sorgen für allem die extrem begehrten TV-Rechte. 2017-2019 teilen sich BT und Sky die Rechte. Sie zahlen dafür in diesen 3 Jahren über 5 Mia Pfund. Das sind stolze 10 Millionen pro Match. Nirgendwo ist Fussball ein grösseres Geschäft als in England.IMG_2285

Noch 20 Minuten bis zum Anpfiff. 14’000 Zuschauer zwängen sich durch die engen Eingänge, noch das letzte Bier, ein schwammiger Burger, dann geht es los. Vor unserem Eingang – wir haben Saisonkarten – wartet DHH, meine andere Hälfte, der QPR-Fan (ich betrachte mich als Fussball-Fan). Für jene, die sich nicht auskennen sollten. QPR steht für Queens Park Rangers, gegründet 1882, spielt momentan in der zweithöchsten Liga, mittelmässige Leistung, werden wohl auch nächste Saison in der gleichen Liga spielen. DHH war im Vergleich zu mir ein Spätberufener in Sachen Fussball. Mit 13 Jahren wollte er ein Fan sein. Und Queens Park Rangers tönte cool. Darum steht er nun mit seinem gestreiften Fanshirt sichtbar unter der Jacke im Regen. Er hat die norwegischen Fans, die extra für dieses Spiel angereist sind, bereits begrüsst. Er ist nämlich nicht der einzige norwegische Fan dieses Clubs. 600 von ihnen sind in einem Fanclub organisiert.

Noch 20 Minuten bis zum Anpfiff. 14’000 Zuschauer zwängen sich durch die engen Eingänge, noch das letzte Bier, ein schwammiger Burger, dann geht es los. Vor unserem Eingang – wir haben Saisonkarten – wartet DHH, meine andere Hälfte, der QPR-Fan (ich betrachte mich als Fussball-Fan). Für jene, die sich nicht auskennen sollten. QPR steht für Queens Park Rangers, gegründet 1882, spielt momentan in der zweithöchsten Liga, mittelmässige Leistung, werden wohl auch nächste Saison in der gleichen Liga spielen. DHH war im Vergleich zu mir ein Spätberufener in Sachen Fussball. Mit 13 Jahren wollte er ein Fan sein. Und Queens Park Rangers tönte cool. Darum steht er nun mit seinem gestreiften Fanshirt sichtbar unter der Jacke im Regen. Er hat die norwegischen Fans, die extra für dieses Spiel angereist sind, bereits begrüsst. Er ist nämlich nicht der einzige norwegische Fan dieses Clubs. 600 von ihnen sind in einem Fanclub organisiert.

15.00 Uhr. Anpfiff. Nein, zuerst eine Ehrung. Im ganzen Land stehen die Fussballer am Anspielring und gedenken eines Fussballers, der mit 59 Jahren in der vergangenen Woche gestorben ist. Eine Minute Stille? Nein, nicht hier. Eine Minute Applaus – so ehrt man hier Fussballer. Dann geht es los.67483_Sheffield.jpg

P.S. Das Spiel endet 0:3. Ein ganz gewöhnlicher Samstag.

P.P.S. Am, nächsten Tag ist QPR in den BBC News: Ein Fan der gegnerischen Mannschaft wurde verhaftet. Er hatte sich eine Trinkflasche des QPR-Torwarts geschnappt, sie mit seiner Pisse gefüllt und wieder auf den Platz geworfen. Das war nicht gewöhnlich.

 

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