Warum reisen wir?

20_02_IMG_9264.jpgAuf unsere Reise durch Südostasien habe ich ein einziges Buch in Papierform mitgenommen: “Die Erfahrung der Welt” von Nicolas Bouvier. Ein Westschweizer Freund hat mir die Lektüre empfohlen und mir freundlicherweise die französische Originalversion und die deutsche Übersetzung geschenkt – und damit eine grosse Bildungslücke bei mir beseitigt. Wie so oft kennen wir Deutschschweizer unsere welschen Autoren nur allzu schlecht. Bouvier hat ein Buch (viel mehr als einen Reisebericht) über seine Reise von der Schweiz durch Jugoslawien, die Türkei, den Iran bis nach Afghanistan geschrieben, die er zusammen mit seinem Freund Thierry Vernet in den Jahren 1953 und 1954 unternommen hat. “Ein Buch, auf dessen Lektüre man nicht freiwillig verzichten sollte” – so eine zutreffende Kurzrezension.

Bouvier nimmt uns auf seine Reise im klapprigen Fiat Topolino mit, lässt uns in der Wüste Lot schwitzen, die ranzigen Felle in der Herberge riechen, hoch oben auf dem vollbepackten Laster an irgendeinem Pass unsere Ohren fast abfrieren, mit seinem Malaria-Fieber schwitzen und auf der Müllhalde bei der Suche nach dem verlorenen Buchmanuskript die lästigen, grausigen Geier verscheuchen (und nein, das Manuskript finden sie nicht).20_01_IMG_9261.jpgSo möchte man selber schreiben können – und weiss, dass man sich mit kurzen Blogposts begnügen muss. Die Poesie und Intensität von Bouviers Buch nähren sich zu einem grossen Teil von den Schwierigkeiten und Pannen und Seuchen, welche der Autor und sein Freund erleiden. Dagegen sind unsere heutigen Reisen höchstens längere Sonntagsspaziergänge. Und doch habe ich in seinen Texten auch eigene Reisemomente wiedergefunden: Fahrten durch das alte Jugoslawien, insbesondere Bosnien, oder das organisierte Gewusel der persischen Basare und das Blau der Moscheen in Isfahan. Und unversehens taucht aus meinen Erinnerungen die beste Melone auf, die ich je gegessen habe. Bouvier beschreibt, dass “von Turkestan bis zum Kaukasus der Segen eines Stücks Land nach der Qualität seiner Melonen beurteilt wird. Das ist ein Gegenstand von Auseinandersetzungen, des Stolzes und des Ansehens. Man hat sich wegen der Melonen schon die Gurgel abgeschnitten, und Männer von Rang unternehmen ohne weiteres eine einwöchige Reise, um die berühmten weissen Melonen von Buchara zu probieren.” Meine Melone habe ich in Taschkent, also nicht weit von Buchara (Usbekistan), gegessen. Und Stolz war im Spiel: Wir sassen in einem Teehaus und unterhielten uns mit Einheimischen. Als wir nach einer kleinen Mahlzeit fragten, wurden wir in ein Auto gebeten und um die halbe Stadt gefahren. Auf einem grossen Markt prüften unsere Begleiter dutzendweise Melonen und kauften schliesslich eine. Zurück im Teehaus, wurde das gute Stück feierlich geteilt und verteilt. Keine Melone hat seither so gut geschmeckt. Ob sie weiss war? Vielleicht.IMG_5322.jpg“Die Erfahrung der Welt” im Jahr 2016 zu lesen und Unterschiede und Parallelen zur eigenen aktuellen Reise aufzuspüren, führt schliesslich zu einer wichtigen Frage: Warum reisen wir? Jetzt, in den letzten Apriltagen, liegt die Antwort auf der Hand: Wer möchte nicht ein paar Tage im Paradies verbringen! Denn dort dürfen wir momentan sein, 18 Tage lang. Das Paradies in Form einer kleinen Bungalow-Siedlung auf der Insel Koh Rong, Kambodscha, mit schneeweissem, feinem Sand, türkisblauem Wasser, in einer Bucht mit Kokospalmen und Cashewbäumen. In mondlosen Nächten kann man im Wasser stehend kleine weisse und grünliche, selten auch rötliche Funken aufsteigen sehen: fluoreszierendes Plankton. Der überschwängliche Sternenhimmel hat sein Pendant im Wasser gefunden.

Aber nicht überall trifft man auf das Paradies. Wir hatten auf dieser Reise auch mit Hitze (Siem Reap) und Kälte (im Norden Vietnams und in vielen mit AC “gekühlten” Räumen) zu kämpfen, sind mit nicht-bustüchtigen Einheimischen Bus gefahren, haben überhöhte Preise bezahlt, gehustet und kleine Unfälle erlitten.

Warum also reisen wir?

Wir sehen wunderschöne, von Menschenhand gemachte Kunstwerke: die kunstvollen Reliefs an einem Tempel in Angkor Thom als Beispiel.

Wir erleben Landschaft: insbesondere den Mekong, von dem eine spezielle Magie ausgeht, wie wir auf jeder unserer Flussfahrten feststellen konnten.

Wir erleben Natur: drei Tage im Camp mit den “pensionierten” Arbeitselefanten.

Wir begegnen Menschen: Auch wenn wir auf Übersetzer angewiesen sind und die Kontakte flüchtig sind, wir erhalten Einblicke in ein anderes Leben.

Wir erfahren bruchstückhaft, wie die Gesellschaft hier funktioniert. Laos und Kambodscha funktionieren völlig anders als Vietnam.

Wir begegnen Geschichte des 20. Jahrhunderts. In Kambodscha leben noch Schlächter der Roten Khmer, in Laos lassen die Höhlen, in denen die Führer der kommunistischen Partei und die lokale Bevölkerung sich versteckten, die amerikanischen Bombenangriffe wieder aufleben. Im Kriegsmuseum in Saigon lassen die Fotos von Kindern, die wegen Agent Orange verstümmelt geboren wurden, keinen Besucher unbetroffen.

Und wir geniessen und staunen: Sonnenuntergänge über dem Mekong, der Mekong im ersten Sonnenlicht, süsse, saftige Mangos, fingerlange, gelbfleischige Bananen, ein Bad in der türkisen Bucht, die riesigen steinernen Töpfe der Plain of Jars, die Karsthügel in der Halong-Bucht bei Hanoi, das Spiel des Elefantenbabys, der flüchtig kurze Augenblick, als zwei Delfine im Mekong auftauchen.IMG_5372

One thought on “Warum reisen wir?

  1. Öffnet den Blick auf Teile der Welt – auf Leben, macht Fremdes bewusst und die Nähe dazu. Danke für das Öffnen, Zulassen und Teilhaben

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