Die neue Freiheit

Ein Pflaumenbaum hat Wurzeln, ich habe keine.

In den letzten 14 Jahren gehörten Texte zum Thema Migration zu meinem Alltag. Vieles war lesenswert, aufschlusssreich, vieles war schlecht recherchiert, fragwürdig oder schlicht falsch. Nebst dem Inhalt hat mich immer auch die Sprache interessiert. Zu Beginn des Jahrhunderts war da die “Integration”, heute versucht man das Wort zu vermeiden – einen guten Ersatz dafür habe ich alledings noch nicht gehört. Der “Migrationshintergrund”, den die Statistiker irgendwann eingeführt haben, gerät in letzter Zeit wieder dorthin, wohin er gehört, in den Hintergrund. Hartnäckig aber halten sich die “Wurzeln”: der Straftäter oder die Schriftstellerin  mit “afrikanischen Wurzeln” etc.

Menschen haben eine Vergangenheit, eine Geschichte, die im Normalfall mit verschiedenen Orten verbunden ist. Ein Mensch, der einen Ort verlässt, lässt nichts von sich dort zurück. Er geht weiter, vollständig. Hätte er Wurzeln, würde er mit jedem Ortswechsel kleiner, bald würde er verkümmern. Lassen wir die Wurzeln bei den Bäumen und Gemüsen.

Wir Menschen können gehen, rennen, schwimmen, sogar fliegen (das KLM-Bild habe ich an Weihnachten 2015 über Norwegen aufgenommen). 26 Jahre habe ich im gleichen Haus gewohnt, es war einer meiner Rückzugsorte, ein Ort, an dem ich mich wohl gefühlt habe. Seit 15 Tagen gehört das Haus anderen Leuten. Oft werde ich gefragt, wie stark ich das Haus vermisse. Gar nicht, lautet meine Antwort. Ich habe das Haus gegen etwas Bedeutenderes eingetauscht: gegen Freiheit. Die Freiheit, dorthin zu reisen, wohin wir wollen. Die Freiheit, beliebig lange an einem Ort zu bleiben. Die Freiheit der One-way-tickets! Und da mit dem Haus auch der Job aufgegeben wurde, erstreckt sich die Freiheit auf den Tagesablauf. Keine Pendenzenliste mit Anrufen und Texten, keine Sitzungen. Und auch die vielen Arbeiten, die ich immer mit Begeisterung gemacht habe – sie fehlen mir nicht. Hobbies und Nichtstun sind die neuen “Pendenzen”. Auf der To-do-Liste  finden sich vor allem Punkte, die noch mit der Aufgabe des Haushalts zu tun haben, oder Reiseprojekte.

Und all die Lieben, die man nicht mehr sieht? Ist das nicht ein zu hoher Preis für die neue Freiheit? Nicht zu hoch, wenn man den Allerliebsten weiterhin an seiner Seite hat. Und wen sonst haben wir denn in den letzten Jahren täglich getroffen?   Die Menschen, mit denen wir zusammenarbeiten. Unsere Freunde, sogar die Familienmitglieder habe ich  nur selten im gleichen Raum gehabt. Und die heutigen Kommunikationsmöglichkeiten erlauben mir, am Morgen mit meiner Tochter in Laos zu chatten, am Abend mit dem Sohn auf Face-Time über seine Arbeit zu reden und kurz vor Mitternacht mit der Schwester in Kalifornien zu skypen. Wenn ich bei allen die richtige Tageszeit erwische, steht einem guten Gespräch nichts im Weg …

ES

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